Ich bin als Freiwilliger in ein westliches Nachbarland gegangen,
in welchem ich eigentlich ähnliche Verhältnisse von Lebensstandard
und Wirtschaft vermutet hätte, wie sie in Deutschland vorzufinden
sind. Wieder zeigt sich aber einmal, dass Deutscher zu sein, ein
Privileg und nicht zuletzt ein Ideal für viele Ausländer ist. In
diesem Rundbrief möchte ich beispielhaft Defizite aus verschiedenen
Bereichen des französischen insbesondere des Hauptstadtlebens
vorstellen.
Angefangen mit der Politik. Am 23. und 30. März finden in ganz
Frankreich Kommunalwahlen statt und alles ändert sich. Wie immer.
Weil das Volk nicht vollkommen zufrieden mit den Bürgermeistern,
besonders aber mit Hollande ist, verpassen sie ihm eine rote Karte
und wählen von links auf rechts. Die Franzosen lieben die
Abwechslung. In meiner Stadt Colombes ist eine Politikerin zurück
ins Bürgermeisteramt gekommen, die eine Periode zuvor wegen
Korruption abgewählt worden ist. Den Barabbas zu forden zeigte aber
tatsächlich auf nationaler Ebene einen großen Effekt. So tritt der
linke Premier Minister zurück und Manuel Valls, ein ambitionierter
Mann der Rechten wird von Hollande ins Amt geholt. Dieser verspricht
nun endlich konkret zu werden und mit großen Sparplänen das Land
aus dem Defizit zu holen. An dieser Stelle ist mir erst bewusst
geworden, das Frankreich noch in der Krise steckt. Das ist aber auch
kein Wunder bei 35 Stundenwochen und Rente ab 62. Reguliert werden
die Schulden durch zu enorme Unternehmens- und Reichensteuer.
Letztere hat mit ihrem Anstieg auf 75% dann eine großere Abwanderung
der Reichen ausgelöst. Mit 10,5% ist die Arbeitslosigkeit doppelt so
hoch wie in Deutschland, bei den Jugendlichen ist sogar jeder 4. ohne
Arbeit. Viele französische Studenten versuchen daher in London ihr
Glück. Das Schulleben der französischen Jugend gestaltet sich aber
auch deutlich schwieriger als in Deutschland. Es gibt in der
Oberstufe keine Klausuren, sondern immer wieder kurzfristig angesagte
Tests. Was zählt sind allerdings die alles entscheidenden
Schlussprüfungen, die in jedem (!) Fach gestellt werden (wenn auch
unterschiedlich bewertet). Fächer abwählen gibt’s nicht. Eine
Bekannte hat in einer Woche 6 Schlussprüfungen und die anderen
drumherum, während gleichzeitig sogar noch Unterricht stattfindet.
Um zur Uni angenommen zu werden, muss man ein Bac + 3 oder Bac + 5
(Abitur mit Qualifizierung zum Bachelor/Master) vorweisen und dennoch
eine Aufnahmeprüfung machen. Unterricht findet jeden Tag bis in den
Nachmittag statt und auch der Samstag morgen kann ein Schultag sein.
Während Deutschland auf Platz 5 des Lebensstandards (nach Human
Development Index) ist, befindet sich Frankreich auf Platz 20! Die
Immobilienpreise v.a. in Paris sind eine Katastrophe und verringern
die Konsumbereitschaft und den daraus folgenden wirtschaftlichen
Auftrieb immer mehr. Während ein 9m² Zimmer in Paris im 6.Stock
ohne Fahrstuhl mit Küchenzeile und Toilette auf dem Gang 300€
kostet, ernsthafte Wohnung für 2 Personen ab 1500€ + 100€
Parkplatzgebühren zu haben sind, die Einkäufe und Dienstleistungen
manchmal das doppelte als in Deutschland kosten, kann man sich in
Deutschland hingegen viel für sein Geld erlauben. Deutschland gilt
in Frankreich aber auch als DAS Vorbild von Politik und hat ein
unglaubliches Ansehen in wirtschaftlicher Hinsicht. Hier in der
Region ist das Leben noch nicht einmal schön. Um an schöne Felder
und Flüsse zu kommen, muss man einen Tagesausflug mit der Bahn
einplanen, in der Umgebung ist neben Schloss und Kultur viel zu viel
verbaut. Die Nähe zur Ruhr fehlte mir in den letzten Monaten
besonders, aber dafür bin ich in einer halben Stunde per Rad am Arc
de Triomphe und per Fuß in 10 Minuten an der Seine (Vorortseite).
In Paris lebt man zum arbeiten, nicht zum genießen. Der RER B
beispielsweise; ein Schrecken der Pariser. Die mitunter dreißigjahre
alten Züge durchfahren von Nord nach Süd die ganze Region,
inklusive zweier Flughäfen. 860 0000 Fahrgäste nehmen täglich 528
Züge der Linie in Anspruch um teilweise von Zone 5 bis ins ins echte
Paris zu kommen. Wenn irgendwo im Netz eine Bahn bremst, bleiben alle
anderen auch still. Wenn ein Bahnfahrer erkrankt, fällt die Bahn
aus. Und auch sonst führen Streiks, Bauarbeiten und Unfälle auf den
Gleisen zu vielen Streichungen der Züge. Morgens in der Bahn noch
einmal schlafen ist nicht. Stattdessen ist langes Stehen zwischen den
Massen angesagt und wer davon nicht genug hat, darf sich auch noch
über einen breitgrinsenden Akkordeonspieler freuen, der dir gerade
recht kommt um dir die letzte Morgenruhe aus dem Kopf zu treiben. In
Paris endlich angekommen, darf man dann in dem absoluten Lieblingsort
der Pariser um- oder bestenfalls aussteigen; Station Chatelet Les
Halles. Das sind Gänge über Gänge, Rollbänder, Werbeplakate und
Treppen. Man verbringt bis zu 10 Minuten in dem Keller ohne einmal
das Licht der Stadt erblickt zu haben. Die immense Station liegt im
wirklichen Herzen von Paris (1.Arrondissement) unter dem historischen
Marktplatz, welcher in einem Jahrzehntprojekt zum neuen
Einkaufszentrum und Mittelpunkt der Stadt regeneriert wird. Chatelet
Les Halles wird täglich schätzungsweise von 750 000 Passagieren
frequentiert und ist damit so häufig besucht wie der Berliner -
und Hamburgerbahnhof zusammen. Hauptstadtleben. 2,2 Millionen
Einwohner teilen sich mit 10, 4 Einwohnern im Großraum und
jährlichen 76 Millionen Touristen (Tourismusziel Nr 1 weltweit) ein
Paris von 105km² Fläche. Kein Wunder, dass da kein Pariser vor die
Haustür gehen mag. Pariser kennen ihr Quartier bestens, aber nichts
darüber hinaus. Daher überleben hier auch noch die kleinen
Supermärkte um die Ecke. Für die großen Megamärkte (à la Real),
müsste man Paris verlassen um über die Autobahn aufs Land zu
kommen. Die Autobahn zu überqueren würde ein Pariser aber nie tun,
außer um mit seinen ganzen Nachbarn pünktlich zum Beginn der
Sommerferien im Schritttempo ans Meer zu fahren. Denn die Autobahn,
der Boulevard Périphérique, ist die perfekte Grenze zwischen Paris
"intra-muros " und dem Möchtegern Anhang "extra-muros"
bzw. Banlieue. Auf der „Périph“ verkehren täglich 1,1 Millionen
Autos auf einer Strecke von 35km (zum Vergleich: auf der
meistbefahrensten Autobahn im Ruhrgebiet, der A40, 103km
Länge, fahren täglich 120 000 Autos). Das ist doch gar nicht
möglich, werden sich vielleicht einige Denken. Ist es auch nicht. Am
Wochenende des 15. März erreichte der Smogpegel hier in Paris ein
derartiges Höchstmaß, dass die Regierung abwechselndes Fahrverbot
und kostenlose Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel erlassen hat.
Von letzterem haben wir natürlich profitiert auch wenn wir uns
lieber auf dem Land oder Zuhause hätten aufhalten sollen. Denn die
Anzahl der Feinstaubpartikel betrug schon ein vierfaches der Norm.
Über die Armut habe ich schon ein wenig berichtet. Die Situation
in Deutschland ist ein Luxus. Mein Kollege Niklas (in einer Schule
für geflüchtete Jugendliche) erzählt, dass die Jugendlichen von
Deutschen erwarten, dass jeder reich sei und ein Haus habe. Manche
lernen sogar Deutsch um eines Tages in diesem "Paradies"
leben zu können. In Paris leben wirklich viele Leute auf der Straße,
das Klientel welches uns im Centre besucht, hat meist ein kleines
Zimmer oder eine kleine Wohnung. Ich frage mich oft, welches das
beste Konzept für uns sei, um den Bedürftigen auf eine würdige und
hilfreiche Art zu helfen. In Paris gibt es eine evangelische Mission,
die ein kostenloses Frühstück und Duschen für Obdachlose anbietet,
nachdem sie eine Andacht gehalten haben. Ich finde dies eine tolle
Missionierung, in Betrachtung der Anzahl der hilfsbedürftigen
Muslime jedoch keine Lösung. Resto du Coeur hat genug genug
materielle und humane Ressourcen um für 1-2 Tage den Hunger zu
stillen. Der Andrang ist aber zu hoch um zwischen dem Sandwich
schmieren ein Schwätzchen halten zu können. Gleiches gilt für
unserer Braderien (Kleidungsverkäufe) wir helfen zwar den Leuten
sehr günstig an gute Kleidung zu kommen, das Klima ist aber
Supermarkt. Die Kleidermengen sind einfach zu enorm um den Rahmen
kleiner zu halten. Bei dem Empfang der Obdachlosen in unserem
Gemeindefoyer fehlt es uns eigentlich an allem. Wir haben nicht genug
Essen und die Kleiderreste der Braderie reichen nicht aus oder sind
dreckiger als die Klamotten der Klienten. Dann spielen wir noch
Scrabble. Aber wir schauen nicht, welche Ressourcen wir stattdessen
einsetzten können. Wo wir vielleicht vielmehr helfen könnten. Denn
neben materiellen Ressourcen steht jedem von uns ein Haufen
personeller Ressourcen zur Verfügung, die wir übers Scrabble
spielen hinaus einsetzen und dadurch persönlicher werden könnten.
Normalerweise, so sagte mir mein Pastor neulich, ist das Problem
bei armen Leuten ihre Krankheit. Ihre Depressionen und Süchte, die
meist einen familiären Hintergrund haben, behindern sie, klar zu
denken und zu sparsamen Konsummustern sowie gesellschaftlichem
Benehmen zurück zu finden. Im Klartext: die Lösung des Problems
liegt oft gar nicht im Materiellen. Sondern vielmehr in Beraten &
Beglücken. Es gibt viele Klienten, die ein ausreichendes Geld vom
Staat bekommen aber aus fehlendem Wissen oder mangelnder Kraft damit
nicht haushalten können. Resto du Coeur ist unabdingbar, da nun mal
eine Sättigung ein wichtiges Grundbedürfnis darstellt. Dennoch ist
es damit längst nicht getan. Eine wichtige Rolle in Frankreich
spielen Sozialarbeiter. Sie schauen sich mit dem Klienten die
Finanzen an oder leiten ihn an alle möglichen Anlaufstellen von
Kleidung bis zu Jobs weiter. Leider sind deren Leitungen meist
besetzt und die Posten unterbesetzt, aber die Beratung ist
maßgeschneidert Person für Person.
Beglücken tut das Centre regelmäßig mit seinen Konzerten und
Events wie das Suppenfest. Auch wenn ich diese Kategorie zunächst
für zweitrangig gehalten habe, da die essentiellen Dinge höhere
Priorität haben, so wird mir doch die Bedeutung der Veranstaltungen
mehr und mehr bewusst. Zu den Veranstaltungen kommen ehrlich gesagt
selten Obdachlose. Neulich ist ein Klient vom wöchentlichen Empfang
gekommen, dem wir zuvor für diesen Anlass einen Sakko geschenkt
haben. Die Zielgruppe dieser Veranstaltungen sind alle, die ein
bisschen Ablenkung ihres Alltags, ihrer Gedanken und Sorgen haben
wollen und etwas Gemeinschaft suchen. Wahrscheinlich sind zu dieser
Zeit auch viele Hilfsbedürftige beschäftigt, ein Nachtquartier zu
suchen, aber ich glaube Beglücken sollte ein größerer Schwerpunkt
sein und als Weg hervorgehoben werden, um eine gute Obdachlosenarbeit
zu leisten. Letzten Montag kam zu unserem Obdachlosenempfang ein
ehemaliger Flötist des Orchestre de Paris. Für mich war dies eine
riesige Ehre. Er hat uns ein kleines Konzert gegeben, von Peter und
der Wolf bis zu Mozart. Ich glaube die Klienten hat das relativ wenig
interessiert, vielleicht mögen sie einfach keine Flöte.
In dem Gedränge und Bemängel ist es schwer immer gute Miene zu
halten und auch noch ein aufmunterndes Wort zu finden. Es ist leicht,
einen Haufen Sandwiches zu schmieren oder Hosen zu stapeln. Aber
diese ungreifbare Ebene, die auf eine viel entferntere Absicht
abzielt, den Klienten zu ermuntern und zu ermutigen, die müssen wir
alle nochmal ganz neu lernen. Denn wer soll sie ermutigen wenn nicht
wir. Einer unserer Klienten kommt seit Jahren fast jeden Montag zu
unserem Empfang. Er hat bestimmt schon 100 Hosen von uns bekommen
aber geben sie ihm die Motivation sich zu waschen, zu kochen oder
Arbeit zu suchen?
Im Übrigen:

Am 6. April hat der klassische Chor, den ich seit der zweiten
Woche in Frankreich besuche, ein tolles Konzert gegeben. In
Vorbereitung auf Ostern haben wir „Die 7 letzten Worte Jesu am
Kreuze“ von Hadyn aufgeführt und Standing Ovations geerntet. Wir
haben uns Monate mit dem Werk herum gequält weil es für Amateure
wie wir wirklich schwer zu singen ist. Ich hatte nicht nur
Schwierigkeiten mit den Noten, sondern auch mit dem Stück an sich.
Es erklärt sich nicht beim ersten hören. Einmal verstanden gehört
es aber zu den schönsten Errungenschaften der Musikgeschichte. Die
Texte und Melodien sind unglaublich wertvoll und geistreich, sodass
es am Ende eine große Entdeckung für mich war. Der Dirigent wollte
das Konzert eigentlich absagen, weil wir uns lächerlich machen
würden. Am Ende haben wir aber mit dem Orchester und den Solisten
eine gute Aufführung abgeliefert, die für uns alle ein
erinnerungswürdiges Erlebnis war.

Eine Woche später bin ich dann mit allen Pfadfindern unseres
Stammes für vier Tage auf ein Camp gefahren. Nur eine Stunde von
Paris entfernt gibt es einen Wald für Pfadfinder mit vorbereiteten
Baumstämmen zum Bauen, Toiletten und einer Bäckerei.

Wir waren um die 70 Leute und haben unter strahlender Sonne Tische
gebaut, Feuer gemacht und gespielt. Die Kinder und Jugendlichen
bereiten mir sehr viel Freude und es ist immer sehr lustig mit ihnen.

Letzte Woche habe ich dann mit Christoph die Mitfreiwillige
Johanna in Grenoble (Partnerstadt von Essen) besucht. Wenn die
Verschmutzung auch die gleiche ist, so haben wir natürlich einen
absoluten Kontrast zu Paris erlebt. Berge und Wiesen so weit das Auge
reicht! Wir haben eine ganz tolle Zeit gehabt!
Ansonsten ist hier noch sehr viel in Vorbereitung,
dessen Ergebnisse ich erst beim nächsten Rundbrief entlüften kann.
Bis dahin, alles Gute!
Euer Gabriel