Freitag, 4. Oktober 2013
Die Gesundheit an erster Stelle
Letztes Wochenende habe ich mit den französischen Pfadfindern mein erstes Lager verbracht. Auf einer Wiese, ca. 1 Autostunde von Paris entfernt, dessen Lagerraum nichts weiter bot als ein Wasseranschluss, haben wir in Zelten geschlafen, Lagerfeuer gemacht und Spiele gespielt. Soweit so gut, aber zurück zur Wiese. Dass die Franzosen nicht gerade etepetete sind, dürfte vielen bekannt sein. "C'est comme ca" sagt man, worauf ich in einem jüngeren Eintrag noch genauer drauf eingehen werde. Ich war jedenfalls sehr überrascht, dass eine 2-Tages-Klobrille über einer großen Grube im Wald nicht den geringsten Protest bei den Scouts auslöste, sondern sich stattdessen die Kinder am Morgen vor dem mit planenummauerten Örtchen in einer Schlange versammelten. An Handtücher zum Waschen des Geschirrs hatte auch kein Kind gedacht, die Teller wurden einfach auf die Wiese zum trocknen gelegt (am Samstag hat es übrigens ordentlich geregnet). Zumindest wir Mitarbeiter hatten einen großen braunen Lappen dabei, um sämtliche Töpfe ordnungsgemäß zu säubern. Letztendlich ist Geschirr aber sowieso überbewertet, denn hier trinkt man geschwisterlich aus großen Flaschen zum Weiterreichen. Aber genug gemeckert über die Hygiene, ein Wort zur Gesundheit. Am Samstag gab es als "Goûter" (das kann man garnicht übersetzen, sowas gibts nur im Land des Essens, es ist eine offizielle Zwischenmahlzeit) Quark mit Erdbeeren, nicht aber die Erdbeeren vom Feld, sondern die gezuckerten von Haribo. Am Sonntag gab es Kekse (und auch Trauben, die hat aber keiner genommen). Umgehauen hat es mich dann aber, als sich auf einer Art Gebotetafel für die Pfadfinder, auch die Regel "Jeder Pfadfinder achtet auch die Sicherheit und Gesundheit seines Körpers" befand. Dieses Gebot liest man aber sogar erstaunlicherweise ziemlich häufig in Frankreich, denn die Regierung ist sehr wohl bemüht, den gefräßigen Franzosen gesund und schlank zu halten. Das hat mich sehr verwundert, denn generell sind die Franzosen ja nicht für ihre dicken Bäuche bekannt. Schaut man aber genauer hin, stellt man doch fest, dass die Franzosen garnicht mal so gesund leben. Ein Tagesablauf: Morgens essen die Franzosen so gut wie garnichts. Ein petit-déjeuner (kleines Früchstück), ist nichts weiter als ein Croissant mit Kaffee. Wenn es mehr sein darf, ausschließlich süß. Ei, Käse und Schinken sind verpöhnt. Zum Mittag gibt es dann das déjeuner, das kann schon ein mehrgängiges Menü sein, in der Regel sind es aber Naschwaren oder Fertiggerichte. Sehr beliebt ist hier der Tiefkühlsupermarkt Picard, der dem Arbeiter ein Segen - dem Gesundheitsminesterium ein Dorn im Auge ist. Im Nachmittag gibt es dann den bereits erwähnten Goûter und Abends ein ordentliche Menü. Wer glaubt, die "französische Portionen" in den Restaurants lassen Rückschlüsse auf das Essverhalten ziehen, der irrt. Insgesamt gewinnt man nach den obligatorischen Gängen Vorspeise - Hauptspeise - Käseplatte - Dessert - Kaffee dann doch nen anderen Eindruck. Ich habe mich jedenfalls schneller an das Essen als an die Sprache gewöhnt. Die Präsenz ist durchaus die gleiche. Bei jeder Versammlung ist es ein Begleiter, manchmal auch der Fokus. Heute bei der Musikerversammlung der Kirche hatte jeder einen Teil für ein gemeinsames Essen beigetragen, geredet haben wir aber über ganz andere Dinge. Aus diesen nun ausführlich erklärten Gründen will die Regierung nun mit größtmöglicher Manipulation ohne Einbüßen des Umsatzes gegen das Konsumverhalten der Bürger vorgehen, was in der Realität so aussieht, dass unter jeder Gastronomie- und Naschwarenwerbung und in jedem Prospekt der Supermärkte ein großer Zusatz zu finden ist, man solle sich doch bitte Sport machen und auf seine Gesundheit achten. Im Ganzen finde ich das dann aber ziemlich lächerlich. Da sich die Franzosen viel Zeit zwischen den Gängen lassen, Fleisch häufig meiden und das Bier hier einfach "de la merde" schmeckt, bleibt der Bauchumfang der Deutschen immer noch einige cm über dem der Franzosen.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen